Diplomfeier FHS, 14.12.2012

Liebe Absolventinnen und Absolventen des Weiterbildungszentrums
Technik der Fachhochschule St.Gallen, liebe Diplomanden, g
eschätzter Herr Nationalrat Pirmin Schwander und Herr Alt-
Ständerat Dr. Ernst Rüesch,l iebe Mitglieder der Schulleitung,
geschätzte Lehrbeauftragte, Dozierende und Mitarbeitende
Werte Damen und Herren, liebe Gäste

Maturafeiern und Diplomierungsfeiern sind das moderne Ritual beim
Übergang zum Erwachsenwerden. Sie jedoch haben diesen
Übergang bereits hinter sich und haben sich heute mit einer
weiteren beruflichen Weiterbildung wichtiges Fachwissen
angeeignet.
Bei Naturvölkern haben diese Riten einen festen Platz. Bei ihnen
müssen Jugendliche in einer Art von Mutproben beweisen, dass sie
durchhalten können, auch Schmerzen ertragen können, und dass
sie damit in die Welt der Erwachsenen aufgenommen werden
dürfen. Nach bestandenen Prüfungen schliesst sich ein oft
tagelanges Fest an.
Was bei Naturvölkern – soweit es sie noch gibt – mit Tanz, Drogen,
nicht selten unter Lebensgefahr gefeiert wird, hat in unserer
technisierten und hochkomplexen Gesellschaft einen ganz anderen
Charakter. In den letzten Wochen mussten Sie durchhalten, Sie
mussten auch Prüfungsschmerzen ertragen, an der heutigen
Diplomfeier dürfen Sie nun Musik, diverse Reden, vielleicht auch
Tanz geniessen. Beim anschliessenden Apéro und bei Festessen
innerhalb der Familien wird es zweifellos Wein geben, für Sie als
Neudiplomierte und für die Älteren.
Wieso bin ich für diese Diplomfeier angefragt worden:
Ganz besonders freut mich, dass ich als
Kantonsratspräsident vor Ihnen stehen darf. Herzlichen Dank für
die Einladung, welcher ich sehr gerne Folge geleistet habe.
Ich habe es persönlich nicht zu einem Abschluss an der
Fachhochschule oder einer ähnlichen Ausbildung geschafft. In
meinem persönlichen Rückblick sehe ich, dass ich bereits in
jenen frühen Jahren die Bedeutung von politischem Engagement
kennenlernte. Ich bin nach der ordentlichen Schulzeit nicht den
gymnasialen Weg weiter gegangen, sondern ich habe mich für
einen Weg näher bei der Praxis, für eine Lehre bei der
Schweizer Post entschieden. So nahm mein Lebenslauf eine
andere Richtung als jene über ein Studium. Sehr früh engagierte
ich mich beim christlichen Postpersonalverband, welcher mir den
Einstieg in meine politische Laufbahn eröffnete. Neben anderen
nebenberuflichen Engagements, wie z.B. Katholischer
Kirchenverwaltungsrat in Thal, bin ich auf meinem politischen
Weg nun für ein Jahr beim Kantonsratspräsidenten angelangt.
In all meinen Engagements blieb ich dem Grundsatz treu,
dass jede Tätigkeit zugleich auch eine Ausbildung ist, das heisst
„Learning by doing“. Wenn man politisch in diversen
Organisationen verpflichtet ist, so muss die formale
Weiterbildung in durchorganisierten Kursen oder jene auf ihrer
Augenhöhe aus Zeitgründen sicher zu kurz kommen. Das
„Lernen beim Tun“ aber gilt immer und ist auch sehr wichtig.
Nun gratuliere ich ihnen ganz herzlich zum erfolgreichen
Abschluss einerseits beim Master of Advanced Studies in
Business Administration and Engineering sowie jenen des
Master of Advanced Studies in Real Estate Management. Diese
beiden Studienrichtungen eraachte ich als sehr wichtig in
unserer sehr globalen Welt, geht es doch in ihren nun folgenden
beruflichen Aufgaben um Forschung, Entwicklung, Bau- und
Projektleitung und weitere wichtige Kompetenzen. Die heutige
Diplomfeier ist ein weiterer Meilenstein auf Ihrem Lebensweg,
sie kann auch den Übergang in eine neue Lebensphase
markieren.

Und trotzdem würde ich Ihnen lieber einen anderen Begriff
nahelegen. „Lernen“ hat ja manchmal etwas sehr Mechnisches,
das haben Sie zur Genüge erfahren. Nicht alles, was Sie in Ihre
Schuljahren und dem nun abgeschlossenen Studium
auswendiglernen mussten, macht Sie wirklich fit für die Zukunft.
Das wissen natürlich auch Ihre Lehrpersonen. Denn sehr vieles
an der Zukunft könnte wohl gründlich anders sein, als wir es uns
jetzt vorstellen. Offen für die Zukunft ist, wer sich so bildet und
so ausgebildet wird, dass er eigenverantwortlich und
selbstständig Wege zur Lösung heutiger Probleme einschlagen
kann. Ich bin mir sicher, dass Sie dies in ihren Fachrichtungen
umsetzen können. Und sogar zur Lösung von Problemen, die
sich heute noch nicht einmal richtig zeigen. Kein lebenslanges
Auswendiglernen also, nein, lebenslanges persönliches Reifen
ist gefragt.

Heute findet die Diplomfeier in zwei verschiedenen
Studienrichtungen statt.
MAS in Business Administration and Engineering
Sie haben sich aus Technischen, naturwissenschaftlichen
Richtungen, wie Ingenieure, Architektur und Techniker weitere
Kompetenzen angeeignet damit ihre Aufgaben und Tätigkeiten
im Bereich Forschung, Entwicklung, Projektleitung und weitere
wichtige Berufsbereiche Fortschritte erzielt werden können. Mit
ihrer Masterarbeit helfen Sie mit an der Zukunft zu bauen.
Bei diesem Studium haben Sie sich in den Aufgaben und
Tätigkeiten der Immobilienbewertung, Immobilienanalyse,
Projektleitung und Projektentwicklung sowie bei Fragen im
Immobilienwesen allgemein wichtige Impulse geholt, um in
diesem sehr volatilen Markt ihre Fähigkeiten einzusetzen.
Als Gedankenstütze kommt mir dazu eine Aussage des
Anthroposophen Rudolf Steiner, welcher für mich ins Schwarze
trifft: „Unser Handeln ist ein Teil des allgemeinen
Weltgeschehens.“ Nicht nur unser Handeln, auch unser Leiden
als Steuerzahler des Kantons!

Die nun herrschende Finanzkrise hat sehr schnell gezeigt,
wie gefährlich die „Geldillusion“ ist: solange die Banken den
Anlegern hohe Zinsen zahlen mussten, flossen auch die
Steuereinnahmen für den Staat munter, jetzt sind die Zinsen auf
Rekordtiefe und sehr viele Unternehmen haben hart gegen rote
Zahlen anzukämpfen.
So fallen auch für Bund, Kanton und Gemeinden
Finanzeinnahmen weg. Das zwingt zu Minderausgaben oder im
Notfall zu Mehreinnahmen. Die Politik hat sich hier bewusst und
mit voller Absicht selbst gebunden: Der Kanton St. Gallen hat
bereits 1929 das Instrument der Schuldenbremse eingeführt. Sie
war die Antwort auf die fürchterliche Stickereikrise der frühen
1920er Jahre. Die Schweiz kennt denselben Mechanismus auf
Bundesebene seit 2001.
Dass der Kanton sparen muss, steht wegen der
Schuldenbremse ausser Frage, wenn Einnahmen und Ausgaben
auf längere Sicht nicht mehr im Gleichgewicht sind. Wo
allerdings ganz konkret am Ende gespart werden muss, das
entscheiden die politischen Kräfte. Es entscheiden am Ende
vielleicht sogar sehr knappe Mehrheiten im Kantonsrat. Die
vergangenen Kantonsratssessionen haben es zu Tage gebracht.

Ich will zum Ende meiner politischen Überlegungen kommen.
Wenn die zuständigen Gremien in einem Rechtsstaat Entscheide
getroffen haben, so sind sie gültig und sie sind zu akzeptieren. Das
ist eine wesentliche Grundregel der Demokratie. Aber diese
Gremien vertreten das Volk, und das Stimmvolk ist bei Wahlen und
Abstimmungen direkt gefragt. Demokratische Rechtsstaaten haben
für Änderungen klare Spielregeln. Als Schweizer und als St. Galler
können und sollen Sie sich bei Wahlen und Abstimmungen dafür
einsetzen, dass Personen gewählt und Sachentscheide getroffen
werden, die Ihnen richtig erscheinen. Engagieren Sie sich für Ihre
Überzeugungen! Glauben Sie mir: Wer dem Politikmachen
auszuweichen sucht, mit dem wird Politik gemacht.

Der heutigen Diplomfeier wegen, möchte ich noch ein anderes
wissenschaftliches Thema aufgreifen.
Wann ist ein Mensch denn reif? Vor genau einem halben Jahr
brachte 3sat eine interessante Fernsehsendung. Es war die
Erstausstrahlung einer gemeinverständlichen und dennoch
wissenschaftlich abgestützten Dokumentation zur Frage, wie
eigentlich die Gehirnentwicklung beim gesunden Menschen abläuft.
Der wichtigste interviewte Forscher war ein amerikanischer
Professor, Jay Giedd vom berühmten Nationalen Institut für Mentale
Gesundheit (National Institute for Mental Health). Diese riesige amerikanische
Forschungseinrichtung koordiniert die Arbeit Tausender von
Psychiatern und Gehirnforschern in vielen Bundesstaaten. Giedd
arbeitet am wichtigsten Sitz, in Maryland nahe Washington. Er
untersucht mit seinem Forschungsteam seit 20 Jahren die grösste
Unbekannte unseres Körpers, nämlich das Gehirn. Das Gehirn war
bis vor kurzem eine rätselhafte „Dunkelkammer“.
In den vergangenen 20 Jahren wurden von Giedd und seinen
Leuten Hunderte von gesunden Kindern und Jugendlichen in
Kernspintomographen geschoben. Das ist jenes Gerät, das man
volkstümlich als „die Röhre“ bezeichnet. Man kann mit dem
Tomographen zum Beispiel Gelenke, die Lunge, das Herz, aber
auch das ganze Gehirn in feinsten Scheibchen abbilden – virtuell
und völlig schmerzfrei. So lässt sich das Gehirn eines einzelnen,
lebenden Menschen über Jahre hinweg immer wieder so unerhört
fein untersuchen, wie es vor weniger als 30 Jahren selbst die besten
Gehirnchirurgen nicht einmal beim Sezieren von Leichen fertig
brachten.
Das überraschendste Ergebnis von Giedd und seinen Leuten passt
nun durchaus an die heutige Diplomfeier. Am Anfang ihrer Studien
nahmen die Forscher an, wie die gesamte damalige Wissenschaft
allgemein, die Gehirnentwicklung sei mit 16, allerhöchstens mit 18
Jahren abgeschlossen. Diese Auffassung ist dank der
Magnetresonanzbilder aus „der Röhre“ widerlegt. Die rein
organische Entwicklung des menschlichen Gehirns ist erst mit etwa
25 Jahren abgeschlossen. – Es ist mir heute eine Freude, ihnen
mitteilen zu dürfen, dass ihre Gehirnentwicklung abgeschlossen ist.
Wir haben ein paar grosse Schritte getan. Von der
Globalisierungsproblematik sind wir zur Finanzkrise, zur St. Galler
Ausgabenbremse und zum Sparen beim Kanton. Und nun also noch
virtuelle Gehirnabbildungen von amerikanischen Jugendlichen! Wie
soll das alles bloss an einer Diplomfeier Platz haben?
Es gibt eine einfache Antwort. In der Welt von rasch
aufeinanderfolgenden Veränderungen, in der wir leben, ist es für Sie
als Individuen zwar gut, dringend notwendig aber ist es für unsere
ganze Gesellschaft, dass Sie, liebe Absolventen, noch weiter reifen
dürfen.

Sie haben das Schlagwort vom „Lebenslangen Lernen“ zweifellos
schon öfter gehört. Es ist ein wichtiges Wort. Sie verkörpern
Lebenslanges Lernen.
Auch Ihr persönliches, weiteres Engagement im Berufsleben wird
nur ein weiterer Schritt Ihres Reifens sein. Sie wissen es, selbst in
der Schweiz werden Berufseinsteiger heute nur in seltenen Fällen
„wiä frischi Weggli“ von der Universität weg in attraktive Positionen
geholt. So schlimm wie in Spanien oder in Teilen Italiens wird es
hoffentlich bei uns nicht werden. Dort muss die Hälfte aller
Universitätsabsolventen Mitte der Dreissig noch ganz ohne
Anstellung oder bloss in höchst mager bezahlten, zeitlich
befristeten, „prekären“ Praktikumsstellen mehr vegetieren als leben.
Aber die Globalisierung macht nicht an den Schweizer
Landesgrenzen Halt, das oft versprochene Licht am Ende des
Tunnels der grössten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren könnte eine
optische Täuschung sein.

Sie als Berufsleute, aber auch wir alle sind aufgerufen, Geschätzte
Damen und Herren, mit Intelligenz, Arbeitslust und mit Zähigkeit, mit
Optimismus und Selbständigkeit an der Bewältigung der auf uns
zukommenden Herausforderungen zu arbeiten. Und Sie dürfen
wirklich optimistisch sein:
Als Absolventen einer ausgewiesenen Bildungseinrichtung wie die
Fachhochschule wissen Sie, dass Verantwortung eine Dimension
beinhaltet, die zugleich Auftrag und auch Hoffnung ist. Es ist mir als
Präsident des Kantonsrates eine grosse Freude, wenn beim
nächsten Studiengang, welcher in Buisness Administration and
Engineering einerseits bereits im Herbst mit dem 19.Jahrgang
begonnen und jener der Real Estate Management im Januar 2013
mit dem 16.Jahrgang startet, wieder etliche anspricht, damit die
kantonalen Bildungseinrichtungen auch benutzt werden.
Ich wünsche Ihnen für die Zukunft, dass Sie ihre nun erworbenen
Fähigkeiten einsetzen können und im Berufsleben Freude und
Befriedigung finden, dies auch damit verbunden, dass Sie nun eine
auf ihre persönlichen Wünschen angepasste Berufsstelle finden
oder in ihrem heutigen Betrieb weiterbeschäftigt werden. Es freut
mich persönlich noch mehr, dass ich heute Abend die Festrede an
dieser Diplomfeier halten durfte.
Leider kann ich an dem eingangs erwähnten Apéro nicht
teilnehmen, da ich heute Abend in Alt St. Johann noch einen
weiteren Höhepunkt meines Präsidialjahres erleben darf, nämlich
am Jahresschlussessen und der damit verbundenen
Verabschiedung des Präsidenten Schulpsychologischen Dienstes
des Kantons St.Gallen teilzunehmen. Aber feiern Sie auch ohne
mich, denn Sie haben es verdient.
Liebe Absolventen: bleiben Sie Reifende, Lernende, tragen Sie mit
Freude Verantwortung. Ich wünsche Ihnen dazu alles Gute.
Herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit. Frohe Festtage und ein
gutes neues Jahr mit vielen Hochs.