Berufsmaturitätsfeier BMS2, GBS St. Gallen
5. Juli 2012

Liebe frisch gebackene Berufsmaturandinnen und -maturanden, liebe Mitglieder der Schulleitung, Sehr geehrter Rektor, geschätzte Lehrer und Mitarbeiter, werte Damen und Herren, liebe Gäste

Der heutige Tag ist ein ganz besonderer Tag für Sie! Sie haben Ihre Berufsmatura erfolgreich abgeschlossen und können stolz auf sich sein! Lassen Sie sich feiern, denn Sie haben es wirklich verdient! Die Feiern heute Abend dürfen aber auch etwas dezent sein: also bitte nicht hupend durch St. Gallen fahren wie die Spanien-Fans nach dem Finalspiel vom Sonntag!

Ganz besonders freut es mich, dass ich als Kantonsratspräsident vor Ihnen stehen darf. Herzlichen Dank für die Einladung! Ich gratuliere ihnen herzlich zum erfolgreichen Abschluss! Die Berufsmaturitätsfeier ist ein weiterer Meilenstein auf Ihrem Lebensweg, sie markiert den Übergang in eine neue Lebensphase.

Und trotzdem würde ich Ihnen lieber einen anderen Begriff nahelegen. „Lernen“ hat ja manchmal etwas sehr Mechanisches, das haben Sie zur Genüge erfahren. Nicht alles, was Sie in Ihren Schuljahren auswendig lernen mussten, macht Sie wirklich fit für die Zukunft. Das wissen natürlich auch Ihre Lehrpersonen. Denn sehr vieles an der Zukunft wird wohl gründlich anders sein als wir es uns jetzt vorstellen. Offen und fit für die Zukunft ist, wer sich so bildet und so ausgebildet wird, dass er eigenverantwortlich und selbständig Wege zur Lösung heutiger Probleme einschlagen kann. Und sogar zur Lösung von Problemen, die sich heute noch nicht einmal richtig zeigen! Kein lebenslanges Auswendiglernen also, nein, lebenslanges Reifen ist gefragt.

Während den Ratssitzungen im Kantonsrat fühle ich mich als Präsident hin und wieder an die Worte von Bill Clinton erinnert, der sagte: «Ein Präsident ist wie ein Friedhofsverwalter. Er hat eine Menge Leute unter sich, aber keiner hört zu». Meine Hoffnung besteht darin, dass es hier und jetzt anders sein wird…trotz baldiger Verteilung der Diplome und bevorstehendem Apéro.


Wenn ein Lebensabschnitt wie zum Beispiel die bestandene Berufsmaturität zu Ende ist, macht es Sinn, Rückschau zu halten, die Zeit zu überdenken und die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten. Das ist eine persönliche, ja intime Sache. Am Ende eines Lebensabschnitts besteht die Gelegenheit, sich neu zu orientieren:

    All diese Fragen können nur individuell beantwortet werden. Allerdings können sie ohne die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen nicht beantwortet werden. Womit wir ganz zufällig bei der Politik angelangt sind…

    Als Politiker und insbesondere als Parlamentarier, appelliere ich an Sie, liebe Berufsmaturandinnen und -maturanden, sich im öffentlichen Leben zu engagieren, mitzubestimmen und mitzugestalten. Denn Politik ist nichts Abstraktes, Abgehobenes oder sogar Unwichtiges. Also bitte keine Berühungsängste – die Politik ist keine Krankheit… Nein! Entscheide der Politik sind konkret fassbar und durchdringen jeden Lebensbereich.

    In der diesjährigen Juni-Session des St. Galler Kantonsrates wurde beispielsweise ein folgeschweres Sparpaket beschlossen. Sie haben sicher in den Medien darüber gelesen. Ab 2015 werden jährlich 17 Millionen Franken weniger in die Bildung investiert. Auch die Berufsschulen werden jährlich 1,5 Millionen Franken einsparen müssen. Sie sehen, politische Entscheide haben oft weitreichende Auswirkungen auf alle Gesellschaftsschichten.

    Nun fragen wir uns: wie viel ist uns die Bildung wert? Ist die Bildung wirklich unser höchstes Gut, wie es in politischen Reden häufig zum Ausdruck kommt? Es sind existenzielle Fragen, die immer wieder aufs Neue beantwortet werden müssen.

    Auch der Einstieg ins Berufsleben wird nur ein weiterer Schritt Ihres Reifens sein. Sie wissen es, selbst in der Schweiz werden Berufseinsteiger heute nur in seltenen Fällen „wiä frischi Weggli“ von der Universität weg in attraktive Positionen geholt. So schlimm wie in Spanien oder in Teilen Italiens wird es hoffentlich bei uns nicht werden. Dort muss die Hälfte aller Universitätsabsolventen Mitte der Dreissig noch ganz ohne Anstellung oder bloss in höchst mager bezahlten, zeitlich befristeten, „prekären“ Praktikumsstellen mehr vegetieren als leben. Aber die Globalisierung macht nicht an den Schweizer Landesgrenzen Halt, das oft versprochene Licht am Ende des Tunnels der grössten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren könnte eine optische Täuschung sein.

    Ich bin überzeugt, dass unser Staat und unsere Demokratie nur überlebt , wenn alle daran mitarbeiten und ihren Beitrag dazu leisten, mitdenken, sich informieren, seine eigene Meinung äussern und Engagement in einem Verein oder öffentlichen Organisationen übernehmen. Es wäre schön, wenn Sie sich da und dort auf Ihrem Lebensweg gesellschafts-politisch einbringen würden.


    Wichtige Dinge im Leben eines jungen Menschen sind auch ein funktionierendes Umfeld, eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und natürlich berufliche Perspektiven. Dafür haben Sie, liebe Eltern, Ausbildnerinnen und Ausbildner, Lehrerinnen und Lehrer gesorgt und dafür gebührt Ihnen ein grosses Dankeschön.


    Sie kennen sicherlich die vielen negativen Schlagzeilen über Jugendliche, die periodisch zu lesen sind: Gewalt…Exzesse…nur Party im Kopf…und generell die Aussage: früher war doch alles besser...so haben ganz sicher auch schon unsere Grosseltern über unsere Generation gelästert!

    Es wird täglich Negatives über unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen geschrieben. Nun liegt es mir fern, diese Probleme klein zu reden. Aber wie bei so machen Diskussionen gibt es auch eine andere Seite. Nämlich die, dass 95 Prozent der Jugendlichen überhaupt keine nennenswerten Probleme verursachen.

    Eigentlich sollten die Zeitungen mehr über Sie, liebe Berufsmaturandinnen und -maturanden berichten und nicht immer nur immer über straffällige Jugendliche. Sie alle hier sind Vorbilder, weil sie sich angestrengt haben und weil sie damit erfolgreich sind. Weil sie etwas aus ihrem Leben machen. Da kann ich nur sagen: Machen Sie weiter so!! Leider können wir aber keine Medaillen verteilen wie an der bevorstehenden Olympiade, verdient hätten Sie es! Aber in der BMS zählt ja auch nicht nur der Gedanke: Mitmachen ist alles!


    Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft, dass Sie ihre nun erworbenen Fähigkeiten einsetzen können und im Berufsleben Freude und Befriedung finden, dies auch damit verbunden, dass Sie nun eine auf ihre persönlichen Wünschen angepasste Berufsstelle finden. Es freut mich persönlich noch mehr, dass ich heute Abend die Festrede an dieser Berufsmaturafeier halten durfte. Dies aus einem einfachen Grund, da mein Patenkind heute Abend Ihr Diplom ebenfalls entgegen nehmen darf. Sie hat bis zur erhaltenen Einladung zur heutigen Feier nichts davon gewusst und ich ebenfalls.

    Nun wünsche ich Ihnen auf Ihrem individuellen Lebensweg und für Ihre Zukunft alles Gute!